Die himmlische Gabe der Geduld beschäftigt mich mehr und mehr. Mein erstes ausgeprägtes Erlebnis in meinen beginnenden Teenagerjahren mit Geduld war der Augenblick, als ich für mich selbst wissen musste, ob es einen Gott gibt.
Als DDR-Schulkind hatte ich größtenteils kommunistische Lehrer. Der Glauben meiner Eltern und der Atheismus meiner Lehrer stellte mich vor ein ernsthaftes Problem. Es hat mich viel Anstrengung gekostet, nach und nach herauszufinden, dass es den Himmlischen Vater wirklich gibt. Der Prozess war für mich schmerzhaft, um so besser war meine Erkenntnis, dass ich wirklich einen Vater im Himmel habe.
Geduld bedeutet Ausdauer und Langmut und ist mit einer Zeit des Wartens verbunden.
Unser Himmlischer Vater hat viel Geduld mit uns, seinen Kindern. Hier beispielhaft zwei Geschehnisse aus unserer Kirchengeschichte.
Joseph Smith brauchte vier Jahre bis er nicht mehr daran dachte, die Goldenen Platten zur Verbesserung der äußerst schwierigen finanziellen Lage der Familie seiner Eltern heranzuziehen. Erst als er diese starke Neigung überwunden hatte, konnte er die Goldenen Platten unter großen Entbehrungen aufbewahren und beginnen, das Buch Mormon zu übersetzen.
Der Vater im Himmel hat bis 1978 gewartet bis die komplette Erste Präsidentschaft und alle Mitglieder vom Kollegium der Zwölf Apostel bereit waren, die Offenbarung zu erhalten, welche es Schwarzen afrikanischer Abstammung wieder ermöglichte, das Priestertum übertragen zu bekommen und alle Tempelverordnungen zu erhalten.
„Es ist für mich absolut erstaunlich, wie geduldig und langmütig der Herr in dieser ganzen Angelegenheit ist. Ich meine, er ist nicht aufdringlich oder gewaltsam. … Solange es keinen Propheten und keine Apostel gab, die bereit waren, sich zu demütigen und gemeinsam die Sache zu studieren und seinen Willen zu suchen, hat er die Sache nicht erzwungen. Er hat sich nur nicht direkt zu diesem Thema geäußert. Aber als die Apostel zum ersten Mal gemeinsam mit ihm über dieses Thema beratschlagten, kam die Offenbarung mit großer Kraft.“ (Doctrine and Covenants Central, Race and the Priesthood | Episode 6)
Beide Ereignisse sind wunderbare Beispiele, wie der Vater im Himmel alle seine Absichten verwirklicht, ohne Zwang auszuüben und durch die Kraft des Sühnopfers seines Sohnes notwendige Heilung und Befreiung bringt, heute wie auch rückwirkend und ebenfalls vorsorgend für die Zukunft. Elder Kyle S. McKay hat es für mich gut beschrieben, indem er sagte:
„Gott wartet auf uns. Uns wird befohlen, ‚auf den Herrn zu warten‘ (Jesaja 40:31), und zwar mit Geduld, indem wir seinem Beispiel folgen. Er wartet mit Geduld auf uns und ist manchmal bereit, unsere Bitte zu erfüllen und hätte sie schon viel früher erfüllt, wenn wir nur danach gesucht hätten.“ (Church News, Episode 154: Church historians on 200th anniversary of angel Moroni’s first visits to Joseph Smith and coming forth of the Book of Mormon, Elder Kyle S. McKay, Church Historian and Recorder)
Geduld zu lernen und zu leben, ist eine der größten Segnungen und Herausforderung in unserem Leben. Die Heiligen Schriften verbinden so viele wunderbare Wahrheiten und Grundsätze mit Geduld (Mosia 23:21 – Züchtigung und Prüfung, Mosia 24:15 – sich Gottes Willen unterwerfen, LuB 101:38 – unsere eigene Seele sich zu eigen machen, Alma 38:4 – herausfinden, das Gott uns befreit hat usw.).
In den letzten 15 Jahren habe ich für mich selbst herausgefunden, dass geduldiges Vorrangehen mit festem Blick auf Jesus Christus der bessere Weg ist. Erst dann ist es tatsächlich sehr schwierig geworden in meinem Leben, wenn immer es mir nicht gelungen ist, an dieser Wahrheit festzuhalten. Umso glücklicher war ich, wenn ich wieder zurückgefunden hatte.
Ich liebe die Einsichten von Elder Neal A. Maxwell bezüglich Geduld. Ein paar möchte ich hier teilen (BYU Speeches, “Patience“, Elder Neal A. Maxwell, 27. November 1979).
- Verbindung zwischen Geduld Glauben: „Geduld ist sehr eng mit dem Glauben an unseren himmlischen Vater verbunden. Wenn wir übermäßig ungeduldig sind, behaupten wir, dass wir wissen, was das Beste ist – besser als Gott.“
- Geduld und Entscheidungsfreiheit sind ein Freundespaar, untrennbar verbunden: „Geduld ist … ein Freund der Entscheidungsfreiheit. In unserer Ungeduld verbirgt sich manchmal eine hässliche Realität: Wir sind schlichtweg irritiert und belästigt von der Notwendigkeit, der Entscheidungsfreiheit anderer Rechnung zu tragen.“ „… das Zusammenspiel von Gottes immerwährendem Bekenntnis zur Entscheidungsfreiheit und seiner immerwährenden und vollkommenen Liebe zu uns, räumt zwangsläufig der Tugend Geduld einen hohen Stellenwert ein. Es gibt einfach keinen anderen Weg für wahres Wachstum.“
- Himmlische Verbindung von Geduld und Liebe: „…, es ist die Geduld, wenn sie mit der Liebe kombiniert wird, die uns erlaubt, ‚im Laufe der Zeit‘ unsere Enttäuschungen zu entgiften. Geduld und Liebe nehmen die Radioaktivität aus unseren Ressentiments. Das sind weder kleine noch gelegentliche Bedürfnisse in den meisten unserer Leben.“
- Geduld ist nicht Gleichgültigkeit, ganz im Gegenteil: „Geduld ist nicht Gleichgültigkeit. Eigentlich bedeutet es, sich sehr zu sorgen, aber dennoch bereit zu sein, sich dem Herrn und dem, was die Heilige Schrift den ‚Lauf der Zeit‘ nennt, zu unterwerfen. “ „Geduld ist also eindeutig keine fatalistische, schulterzuckende Resignation. Sie ist die Akzeptanz eines göttlichen Lebensrhythmus; sie ist verlängerter Gehorsam. Geduld widersteht hartnäckig dem Ausreißen der Gänseblümchen, um zu sehen, wie es den Wurzeln geht.“
Ich hoffe, dass wir Durchhaltevermögen in Geduld anstreben und erlernen. Mit festem Blick auf Jesus Christus ist dies tatsächlich möglich.
„Liebe Brüder [und Schwestern], wenn in schwierigen Situationen euer Glaube geprüft wird, dann freut euch darüber. Denn wenn ihr euch darin bewährt, wächst eure Geduld. Und durch die Geduld werdet ihr bis zum Ende durchhalten, denn dann wird euer Glaube zur vollen Reife gelangen und vollkommen sein und nichts wird euch fehlen.“ Jakobusbrief 1:2-4, „Neues Leben“ Übersetzung)
Michael Lehmann, Hoher Rat im Pfahl













