Botschaft Mai 2023

Geistiger Frühjahrsputz

von Hoher Rat Uwe Bartsch

Bei einem Blick in die Natur kommen mir die Worte in den Sinn, die Goethe seinem Doktor Faust in den Mund legte, als dieser sich mit seinem Schüler Wagner aus der Studierstube des Gelehrten an die erwachende Natur begeben hat:

„Vom Eise befreit sind Strom und Bäche, durch des Frühlings holden, belebenden Blick, im Tale grünet Hoffnungsglück; Der alte Winter, in seiner Schwäche, zog sich in rauhe Berge zurück.“

Viele von uns kennen diesen Monolog Fausts noch aus der Schulzeit und haben das Gedicht des Osterspazierganges mehr oder weniger gern auswendig gelernt und rezitiert. So erinnern wir uns auch, dass Faust weiter sagt:

„Jeder freut sich heut so gern, denn sie feiern die Auferstehung des Herrn…“

Wahrscheinlich ist der Frühling für viele von uns und besonders auch in unseren geografischen Breiten eine der schönsten Jahreszeiten. Und Jean Paul, ein deutscher Poet und Zeitgenosse von Goethe verfasste den Ausspruch:

„Das Schönste am Frühling ist, dass er immer dann kommt, wenn man ihn am dringendsten braucht.“

In der Tat ist es nach der Zeit der grauen und dunkleren Tage, des Regens und der Kälte eine Wohltat, das Erwachen der Natur mitzuerleben, die höheren Temperaturen an längeren und helleren Tagen mit Sonnenschein zu genießen.

Ich liebe es, wenn sich die Pflanzen zuerst mit den grünen Spitzen aus dem Boden oder Zweigen schieben und nach einigen Tagen die volle Blütenpracht an Blumen, Bäumen und Sträuchern zu sehen ist. So freue ich mich über jede Pflanze, die den Frost des Winters überstanden hat. Da nimmt man auch die durch Pollen bewirkte Rebellion in Nase und Augen in Kauf…

Für viele ist Frühling auch die Zeit des Aufräumens und des Säuberns… des Frühjahrsputzes. Der Ursprung des Begriffs soll auf eine alte jüdische Tradition zurückführen, die das Reinigen des Hauses im Vorfeld des Passah-Festes zum Inhalt hat.

Aber auch besonders in Zeiten, als noch mit Kohle- und Holzöfen im Winter geheizt wurde, war diese Aktion des Putzens im Frühjahr willkommen, um in das Haus wieder frische Luft zu lassen, die ergrauten Gardinen zu waschen, Staub und Spinnweben zu entfernen und Asche und Ruß aus dem Kamin und drumherum zu beseitigen.

Auch heute sind viele Arbeiten im und um das Haus nötig, damit wir uns in den folgenden Monaten wohl fühlen können. Das „Reinigen“ und das „Neuerwachen“ sind auch zwei grundlegende Lehren des Evangeliums.

Als Christus und seine Jünger einmal mit den Schriftgelehrten und Pharisäern zum Essen zusammen waren, empörten sich diese, dass die Jünger Jesu die nach dem jüdischen Gesetz vorgeschriebene rituelle Reinigung nicht durchgeführt hatten. (Markus 7)

Sie warfen Jesus vor, dass sie sich nicht an die Überlieferungen der Väter halten würden. Mit deutlichen Worten wies er diese Anschuldigungen zurück und erklärte seinen Zuhörern, dass nicht das den Körper verunreinigt, was in den Körper hineinkommt, sondern dass, was aus dem Körper herauskommt. Viele waren mit dieser Belehrung überfordert und suchten nach einer verständlichen Erklärung aus körperlicher Sicht, konnten aber den geistigen Inhalt nicht verstehen.

An einer anderen Stelle der Schriften lesen wir:

„Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler! Denn ihr haltet die Außenseite des Bechers und der Schüssel rein, inwendig aber sind sie gefüllt mit Raub und Unmäßigkeit. Du blinder Pharisäer! mache zuerst das rein, was den Inhalt des Bechers bildet, dann wird auch seine Außenseite rein werden.” (Matth. 23:25, 26)

Wir lernen zu verstehen, dass uns der Heiland damit erklären wollte, dass geistige Unreinheit in unseren Gedanken und unserem Herzen viel verwerflicher als körperliche Verschmutzung ist.

Mitunter können uns Krankheiten, Sorgen, Bedrängnisse aber auch Fehler daran hindern, dass wir geistig empfindsam und gesinnt sind. Mit zahlreichen Beispielen verdeutlichte uns der Herr, dass ER derjenige ist, der uns davon befreien und wieder rein machen kann.

Es begab sich …, dass ein Mann da war, über und über mit Aussatz behaftet. Als dieser Jesus sah, warf er sich vor ihm auf sein Angesicht nieder und bat ihn mit den Worten: „Herr, wenn du willst, kannst du mich reinigen!” Jesus streckte die Hand aus, fasste ihn an und sagte: „Ich will’s: werde rein!” Da verschwand der Aussatz sogleich von ihm. (Lukas 5:12,13)

Einmal saß Jesus mit dem Pharisäer Nikodemus zusammen, der Interesse an den Lehren Jesu zeigte und ihm seine Fragen vorbrachte. Auf seine Wunder angesprochen erwiderte Jesu:

„Wahrlich, wahrlich ich sage dir: Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen.” (Johannes 3:3)

Nikodemus verstand Jesu Worte nicht und entgegnete ihm:

„Wie kann jemand geboren werden, wenn er ein Greis ist? Kann er etwa zum zweiten Mal in den Schoß seiner Mutter eingehen und geboren werden?”

Jesus antwortete:

„Wahrlich, wahrlich ich sage dir: Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes eingehen.” (Johannes 3:4,5)

Mir gefällt dieser Vergleich mit dem Reinigen und Neuerwachen im Frühjahr. Licht und Wärme bewirkt, dass das pflanzliche Leben nach einer Zeit der Kälte und der Dunkelheit neu erwacht, dass sich die neuen grünen Triebe bilden, die weiter zu Blüten und zur Frucht wachsen und heranreifen können.

Wie wir im Jahresverlauf diese beständige Runde des Grünens und Reifens, aber auch Verdorrens und Verwelkens in der Natur immer wieder erleben, so gibt es sicher auch in unserem Leben nicht immer Sonnenschein und beständiges Wachsen und Gedeihen.

Manchmal reißen uns Zeiten mit Rückschlägen oder Zweifel herunter, aber durch das Licht und die Wärme, die von Christus ausgehen, können wir wie die Pflanzen im Frühling wieder neue Triebe bilden, die zu einem kräftigen Zweig oder Ast mit guten Früchten weiter wachsen können.

Wenn wir durch Zeiten des Winters gehen müssen, ist es wichtig, dass wir trotzdem weiter tief verwurzelt sind. Diese Wurzeln sind unsere Bündnisse mit dem Herrn, sind unsere Familie, ist unsere Gemeinschaft mit den Heiligen und ist das Licht Christi. Daraus kann wieder neue Hoffnung, neuer Glauben mit einem festen Zeugnis und die Bereitschaft entstehen, dem Herrn unsere Zeit, Talente und alles was wir haben für den Aufbau des Werkes Gottes zu weihen.

Begeben wir uns auf einen geistigen Frühjahrsputz, um uns von den Dingen zu trennen, die uns belasten, die uns von Gott trennen. Von dem schlechten Geruch des Kritisierens, von der Asche der Unzufriedenheit und Undankbarkeit, von dem Ruß der Trägheit und Nachlässigkeit und dem Staub des Stolzes.

Jeder findet solche „Verschmutzungen“ mehr oder weniger in seinem Leben und kann für seinen Frühjahrsputz so eine Aufmunterung und Bestärkung brauchen, wie das was Christus zu den nephitischen Jüngern gesagt hat:

„Und nichts Unreines kann in sein Reich eingehen; darum geht nichts in seine Ruhe ein außer diejenigen, die ihre Kleider in meinem Blut gewaschen haben, wegen ihres Glaubens und der Umkehr von all ihren Sünden und ihrer Glaubenstreue bis ans Ende.
Dies nun ist das Gebot: Kehrt um, all ihr Enden der Erde, und kommt zu mir, und lasst euch in meinem Namen taufen, damit ihr durch den Empfang des Heiligen Geistes geheiligt werdet, damit ihr am letzten Tag makellos vor mir stehen könnt.” (3. Nephi 27:19,20)

Ich habe ein festes Zeugnis, dass wir durch Christus und sein Sühnopfer wieder rein werden können und immer wieder neu erwachen, austreiben und gedeihen können. Er hilft uns voller Liebe und Verständnis, dass unser geistiger Frühjahrsputz erfolgreich sein wird.

Im Namen Jesu Christi. Amen
Hoher Rat Uwe Bartsch

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