In seiner Ansprache zur Weihnachtsandacht hat Elder Jeffrey R. Holland einen Gedanken auf besonders bewegende Weise zum Ausdruck gebracht. Er sagte:
„Darf ich Sie auffordern, in dieser Weihnachtszeit – und sei es auch nur für einen Augenblick – eine Familie zu sein für jemanden, der sonst allein wäre? Einsamkeit ist etwas äußerst Schmerzliches. Ich weiß, dass viele einsamer waren als ich – aber für mich waren die letzten drei Weihnachtsfeste doch sehr schmerzlich. Mir fehlte das Zusammensein mit jener vollkommenen Mutter, von der ich eingangs sprach.“
Diese Worte haben mich tief berührt. Sie erinnern uns daran, dass selbst Menschen mit starkem Glauben, großer Erfahrung und geistlicher Reife Einsamkeit empfinden. Einsamkeit ist kein Zeichen von Schwäche – sie ist ein menschliches Empfinden. Umso wichtiger ist es, dass wir einander sehen, wahrnehmen und füreinander da sind.
Der Erretter selbst hat uns diesen Weg gezeigt. Sein ganzes Wirken war von Liebe, Mitgefühl und Hinwendung geprägt – besonders zu denen, die am Rand standen, übersehen wurden oder allein waren. In Matthäus 22:39 gebietet er uns klar:
„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“
Und im Buch Mormon lesen wir:
„Und siehe, ich sage euch dies, damit ihr Weisheit lernt, damit ihr lernt: Wenn ihr euren Mitmenschen dient, dann dient ihr eurem Gott.“ (Mosia 2:17)
Diese Schriftstellen sind uns vertraut. Doch ihre wahre Kraft entfalten sie erst dann, wenn wir sie im Alltag leben.
Vor zwei Jahren haben wir als Familie ein neues Haus gekauft, in einer Nachbarschaft, die sich gerade im Wandel befindet. Viele junge Familien ziehen ein, gleichzeitig leben dort noch Menschen, die seit Jahrzehnten in ihren Häusern wohnen. Unsere direkten Nachbarn links, rechts und schräg gegenüber sind allesamt Witwen. Sie leben schon viele Jahre allein, ihre Kinder wohnen weit entfernt. Umso größer war ihre Freude, als wieder kleine Kinder in der Nachbarschaft zu sehen waren – Leben, Lachen und Bewegung.
Im vergangenen Jahr hatte ich viele Gelegenheiten, diesen Frauen zu dienen. Besonders eine Nachbarin hat mich dabei viel über die Liebe Jesu Christi gelehrt – mehr, als sie vermutlich selbst ahnt. Früher war sie Friseurmeisterin und hatte den Ruf, sehr streng und autoritär zu sein. Auch meine Schwester war einst ihre Schülerin und hat unter diesem harten Umgangston gelitten. Viele Nachbarn waren ihr nicht immer wohlgesonnen.
Heute leidet diese Nachbarin an Parkinson. Viele alltägliche Dinge fallen ihr schwer, und sie muss ihren Alltag größtenteils allein bewältigen. Ich bin inzwischen fast wöchentlich bei ihr, um ihr im Haus zu helfen – sei es bei kleinen Reparaturen, im Garten oder bei organisatorischen Dingen. Dabei sehe ich ihre Einsamkeit sehr deutlich und auch, wie viel Kraft sie das kostet.
Gleichzeitig erlebe ich etwas sehr Berührendes: Wenn ich bei ihr bin, sehe ich, wie glücklich sie in diesen Momenten ist. Sie erzählt mir voller Freude von früher, spricht über meine Schwester, darüber, was für eine gute Schülerin sie gewesen sei, und teilt Erinnerungen, die ihr offensichtlich viel bedeuten. Anfangs begegnete sie mir noch mit einem scharfen, befehlenden Ton. Doch mit der Zeit ist ihr Herz weich geworden. Heute haben wir ein herzliches, respektvolles Verhältnis.
Diese Erfahrungen haben mir vor Augen geführt, dass Nächstenliebe nicht immer spektakulär oder öffentlich ist. Oft geschieht sie leise, regelmäßig und unscheinbar. Sie zeigt sich im Dasein, im Zuhören, im Aushalten, im Dranbleiben.
Elder Hollands Ansprache hat mir noch einmal sehr deutlich gemacht, wie wichtig es ist, unseren Nächsten zu lieben und für sie da zu sein – besonders für jene, die sonst niemanden haben. Kleine Gesten und einfach etwas Zeit können einen großen Unterschied machen.
Der Herr lädt uns ein, die Menschen nicht nur so zu sehen, wie sie jetzt sind, sondern so, wie sie einmal sein können. Im Neuen Testament heißt es:
„Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr einander lieben sollt; wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben.“ (Johannes 13:34)
Diese Liebe ist geduldig, sie ist langmütig, sie gibt nicht schnell auf. Sie hilft uns, hinter schwierige Charaktere, harte Worte oder vergangene Fehler zu blicken und das göttliche Potenzial im anderen zu erkennen.
Durch diese Erlebnisse ist meine Liebe zum Herrn gewachsen. Ich spüre deutlicher, wie sehr das Dienen mein eigenes Herz verändert. Es hilft mir, Menschen mit den Augen Christi zu sehen – als Kinder unseres himmlischen Vaters, mit dem Potenzial, sowie er zu werden.
Vielleicht können wir alle Elder Hollands Einladung annehmen und – wenn auch nur für einen Augenblick – Familie sein für jemanden, der sonst allein wäre. Ein Besuch, ein Gespräch, ein Anruf oder eine helfende Hand können mehr bewirken, als wir denken.
Möge der Herr uns helfen, sein Licht weiterzugeben, damit seine Liebe durch uns spürbar wird
Das sage ich im Name Jesu Christi Amen
Luca Jentzsch
Hoher Rat im Pfahl













