Botschaft Juni 2024

Unser wahrer Wert

von 2. Ratgeber in der Pfahlpräsidentschaft Toni Seyfert

Ein junger Mann suchte einen Weisen auf, um ihn um Hilfe zu bitten. „Meister, ich bin gekommen, weil ich mich so wertlos fühle, dass ich überhaupt nichts mit mir anzufangen weiß. Man sagt, ich sei ein Nichtsnutz. Was kann ich tun, damit die Leute eine höhere Meinung von mir haben?“

Ohne ihn anzusehen, sagte der Meister: „Es tut mir sehr leid, mein Junge, aber ich kann dir nicht helfen, weil ich zuerst mein eigenes Problem lösen muss. Vielleicht danach. “Er machte eine Pause und fügte dann hinzu: „Aber wenn du zuerst mir helfen würdest, könnte ich meine Sache schneller zu Ende bringen und mich dann um dein Problem kümmern.“ „S…s…ehr gerne, Meister“, stotterte der junge Mann und sah sich wieder einmal zurückgesetzt und seine Bedürfnisse hinten angestellt.

„Also gut“, fuhr der Meister fort. Er zog einen Ring vom kleinen Finger seiner Hand, gab ihn dem Jungen und sagte: „Nimm das Pferd und reite zum Markt. Ich muss diesen Ring verkaufen, weil ich eine Schuld zu begleichen habe. Du musst unbedingt den bestmöglichen Preis dafür erzielen, und verkaufe ihn auf keinen Fall für weniger als ein Goldstück. Geh und kehre so rasch wie möglich mit dem Goldstück zurück.“

Der Junge nahm den Ring und machte sich auf den Weg. Kaum auf dem Markt angekommen, pries er ihn den Händlern an, die den Ring mit Interesse begutachteten, bis der Junge den verlangten Preis nannte.

Er bot den Ring vielen Menschen und Händlern an, aber alle lachten ihn nur aus oder boten ihm nur einen sehr geringen Wert. Enttäuscht kehrte er zum Meister zurück „Es ist mir nicht gelungen, jemanden von einem so hohen Wert des Ringes zu überzeugen. Ich kenne den Wert nicht“. „Was du sagst, ist sehr wichtig, mein junger Freund“, antwortete der Meister mit einem Lächeln. „Wir müssen zuerst den wahren Wert des Rings in Erfahrung bringen.

Steig wieder auf dein Pferd und reite zum Schmuckhändler. Wer könnte den Wert des Rings besser einschätzen als er? Sag ihm, dass du den Ring verkaufen möchtest, und frag ihn, wie viel er dir dafür gibt. Aber was immer er dir auch dafür bietet: Du verkaufst ihn nicht, sondern kehrst mit dem Ring hierher zurück!“

Erneut machte sich der Junge auf den Weg. Der Schmuckhändler untersuchte den Ring im Licht einer Öllampe, betrachtete ihn und bot ihm achtundfünfzig Goldstücke dafür. Aufgewühlt eilte der Junge in das Haus des Meisters zurück und erzählte ihm, was geschehen war. „Setz dich“, sagte der Meister, nachdem er ihn angehört hatte. „Du bist wie dieser Ring: ein Schmuckstück, kostbar und einzigartig. Und genau wie bei diesem Ring kann deinen wahren Wert nur ein Fachmann erkennen“ (Jorge Bucay).

Welchen Wert schreiben wir uns selbst zu? Zweifeln wir an uns, an unseren Fähigkeiten, an unserem Selbstwert? Zu viele Stimmen schreien regelrecht danach, dass man nur etwas wert sei, wenn man bestimmte Dinge leistet, ein gesellschaftlich verträgliches Verhalten hat. Das führt unweigerlich oft dazu, dass wir beginnen uns zu vergleichen.

Was aber bewirken die Erkenntnisse, die wir daraus gewinnen? Was macht das mit uns? Wie sehen wir uns selbst? Zweifeln wir wie Mose an unseren Fähigkeiten, wenn uns Aufgaben übertragen werden, bei denen wir der Meinung sind, dass es Andere viel besser könnten?

Dieser Zweifel führt leider allzu oft zu Ängsten, die uns die Freude daran nehmen, den Platz einzunehmen, den unser himmlischer Vater für uns vorgesehen hat. Präsident Uchtdorf verdeutlicht, dass der Herr einen anderen Maßstab hat, um den Wert einer Seele zu bestimmen (

Generalkonferenz 2011 „Sie sind dem Herrn wichtig“). Sind es Veränderungen in unserem familiären, persönlichen, gesellschaftlichen oder beruflichen Umfeld, die uns vergessen lassen, was unser Potenzial ist? In der Geschichte spricht der Meister davon, dass nur ein Fachmann den Wert des Ringes erkennen konnte. Unser himmlischer Vater ist derjenige, der unseren Wert bedingungslos schätzt und weiß.

„Die Seelen haben großen Wert in den Augen Gottes“ (Lehre und Bündnisse 18:10). Er ist der Fachmann, der uns mit Geduld und Liebe aufzeigt, dass jeder von uns einzigartig und besonders ist. Ein jeder hat einen besonderen Wert. Der Wert des Ringes war auf ihn geprägt.

Es stellt sich also die Frage, auf welches Fundament prägen oder bauen wir unseren Selbstwert? Der Evangelist Matthäus schreibt: „Darum wird jeder, der diese meine Wort hört und nach ihnen tut, einem klugen Mann gleichen, der sein Haus auf Felsengrund gebaut hat“ (Matthäus 7:24).

Der Fels, den er beschreibt, ist Jesus Christus. Er war vor vielen Jahren auf der Erde, um genau dies den Menschen vorzuleben. Um Ihnen ein Beispiel zu sein, ihnen die Grundlagen eines starken Fundamentes zu erklären. Er hat den Menschen die Liebe, die unser Vater im Himmel für uns empfindet, erlebbar gemacht.

Durch sein Beispiel können wir bedingungslos darauf vertrauen, dass er uns kennt, wir seine Kinder sind und einen Wert besitzen, welcher weder vergleichbar noch für uns in vollem Maße begreifbar ist. Wen sehen wir, wenn wir uns selbst betrachten?

Der belgische Künstler René Magritte schuf 1936 ein zauberhaftes Kunstwerk, welches einen Maler zeigt, der zwar den Blick auf ein Ei gerichtet hält, dennoch aber einen Vogel auf der Leinwand durch Farbe verewigt (Link).

(Quelle: Link)

Diesen Blick hat unser liebender Vater auf uns. Er sieht uns wie wir sind, in jeder Situation unseres Lebens, aber er weiß auch, was aus uns werden kann. Das Vertrauen auf ihn und der gelebte Glaube sind die Grundlage für ein unverrückbares Fundament.

Zuweilen rüttelt das Leben mit aller Wucht an den Grundmauern unseres Selbstwertes und Zweifel kriecht in die Risse des Gemäuers. Sich schwach und zerbrechlich zu fühlen ist menschlich. Wahrscheinlich haben sehr viele Menschen, wenn nicht jeder, diese Situationen bereits erlebt.

Doch was hat Moses dazu bewegt, trotz seiner Angst, seiner Selbstzweifel, seines fehlenden Vertrauens in die eigenen Fähigkeiten, nach Ägypten zu ziehen, und sich seiner Ängste und Zweifel zu stellen? Nur allein die Liebe unseres himmlischen Vaters hat ihn erkennen lassen, dass er einen besonderen Wert hat. Natürlich ist es nicht der gängige Weg, in unserem eigenen Leben einen brennenden Busch erkennen zu können, dennoch ist unser Wert nicht minder.

Mose und der brennende Dornbusch

(Quelle: Gemälde „Mose und der brennende Dornbusch“ von Jerry Thompson.2016, Intellectual Reserve, Inc. Alle Rechte vorbehalten.)

Der Fachmann kann uns diesen zeigen, wenn wir zu ihm gehen und ihn darum bitten. Unser wahrer Wert ist nicht davon abhängig, wo oder in welchen Umständen wir leben.

Er stützt sich nicht darauf, welches Einkommen wir haben oder welche Fähigkeiten wir uns aneignen konnten, wie durchschnittlich unser Aussehen oder unbedeutend unsere Berufung sein mag (Dieter F. Uchtdorf Generalkonferenz 2011 „Sie sind dem Herrn wichtig“).

Unser persönlicher Wert besteht dadurch, dass wir seine Kinder sind und wissen können, dass wir für ihn nie unsichtbar sind. Er erkennt die Prägung auf unserem Fundament und steht uns dabei zur Seite, dieses zu erkennen, zu schützen und darauf zu bauen.

Wir alle sind verschieden und haben dennoch gemeinsam, dass wir ein Teil des großen Ganzen sind. Keiner von uns ist ersetzbar. Jeder ist wertvoll.

Im Namen Jesu Christi, Amen.

Toni Seyfert, 2. Ratgeber in der Pfahlpräsidentschaft

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