Als ich vor einigen Jahren zum ersten mal in den wunderschönen Osten Deutschlands als Missionar kam, war ich sofort erstaunt und begeistert von der Glaubenstreue der Mitglieder hier. Ich bemerkte, dass ein besonderer Segen auf diesem Land ruhte.
Im Laufe meiner Mission hat sich der Heilige Geist des Öfteren in unbeschreiblicher Art und Weise gezeigt. Die Menschen, die im Osten leben, ja selbst diejenigen, die noch nicht zum Glauben an Gott und Jesus Christus gefunden haben, wurden durch diesen starken Geist vorbereitet.
Ein paar Jahr später, um genauer zu sein im Jahr 2019, bin ich erneut in diesen Teil Deutschlands zurückgekehrt. Dieses mal, weil ich meine Frau kennenlernen und heiraten durfte. Die machtvollen Eindrücke aus meiner Missionzeit haben sich seitdem mehrfach wiederholt. Und deshalb bin ich überzeugt, dass die Mitglieder in diesem Pfahl auch heute noch in besonderer Weise gesegnet sind.
Dieser machtvolle Segen reicht aber deutlich weiter in die Vergangenheit zurück. Nachdem bereits 1843 die erste Gemeinde der Kirche in Darmstadt gegründet wurde und die Kirche Jesu Christi in der Folge in Deutschland stark wuchs, stellte sich eine besondere Empfänglichkeit für die Botschaft des Evangeliums in den östlichen Teilen des heutigen Deutschlands heraus.
In Sachsen der 1920er Jahre, aber vielmehr in der Stadt Chemnitz, war die größte Konzentration an Heiligen außerhalb der USA vorzufinden. In den Städten Leipzig und Dresden, wie auch im Erzgebirge, sammelten sich die Mitglieder in erstaunlicher Zahl.
Der zweite Weltkrieg und die Nachkriegszeit sorgten leider dafür, dass viele Heilige Deutschland Richtung USA verließen. Ich konnte einige Elders in meiner Missionszeit kennenlernen, die deutsche Wurzeln hatten.
Durch die Teilung Deutschlands und den Bau der Mauer hatten es die Mitglieder hinter dem eisernen Vorhang nicht leicht. An einem kalten Novembertag im Jahr 1968 traf sich der damalige Apostel Thomas S. Monson in einem alten Lagerhaus in Görlitz.
Dieser war gerührt von den schwierigen Umständen und der Aufrichtigkeit der ostdeutschen Heiligen. Unter Tränen sprach er folgende Verheißung aus:
„Wenn Sie den Geboten Gottes treu bleiben, wird jede Segnung, deren sich die Kirchenmitglieder in anderen Ländern erfreuen, auch die Ihre sein.“
Die immense Glaubenstreue der Mitglieder erfüllten diesen Segen nicht einmal 17 Jahre später. Denn am 29. Juni 1985 wurde ein Tempel im sächsischen Freiberg geweiht. Es war der erste Tempel der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage auf deutschem Boden.
Wenige Jahre später fiel die Mauer und die Heiligen hatten nun nicht nur alle Segnungen des Herrn erlangt, sondern wurden nun in ein freiheitliches Land integriert.
Wenn man einmal kurz darüber nachdenkt, welch ein großes und erstaunliches Wunder hierbei vollbracht wurde, dann kommen einem die Tränen in die Augen. Zumindest geht es mir so und ich spüre die Macht Gottes und sein Walten in mächtiger Weise.
Es ist ein Zeugnis dessen, dass selbst ein totalitäres Regime nicht die Werke Gottes zum Wanken bringen kann. Die Segnungen eines Apostels, und später Propheten, des Herrn und die Macht und der Einfluss eines Tempels inmitten von geistiger Dunkelheit sind Fürwahr die treibenden Leuchtfeuer hinter diesem Wunder, welche durch den Glauben der Mitglieder in alle Himmelsrichtungen getragen wurden.
Doch eine Sache bekümmert mich. Denn so stark und mächtig der Herr ein großes Wunder vollbracht und die Mitglieder im Osten Deutschlands gestärkt hat, ja so sehr sehe ich auch, dass manche Müde und ernüchtert geworden sind. Müde von den Lasten und Pflichten. Ernüchtert von der Stagnation, die wir alle in der Kirche Deutschlands sehen können.
Wir sehen, wie Freunde von uns auf anderen Pfaden wandeln. Wir sehen, wie Kinder und Enkel von uns sich für einen anderen Weg entscheiden und den schmalen, engen Weg verlassen. Wir sehen, dass andere wegen Arbeit oder Familie wegziehen und fragen uns, werden sich nicht alle Segnungen erfüllen, die der Herr verheißen hat. Wird es nicht hunderte von Pfählen in Deutschland geben? (1976, Spencer W. Kimball)
Und wir sehen, dass sich die Menschen schwer tun, die Botschaft des Evangeliums zu empfangen. Reicht unser Glaube einfach nicht aus?
Es ist aber vielmehr so wie damals beim Volk Israels, als es aus der Gefangenschaft befreit wurde und dies durch mehrere mächtige Wunder, die vom Herrn bewirkt wurden, geschah. Die Israeliten wurden auch nicht gleich im Anschluss in das verheißene Land geführt, sondern es wurde deren Glaube für 40 Jahre geprüft.
Und genauso wird auch unser Glaube auf die Probe gestellt. Aber eines können wir gewiss sein. Der Herr wird alle seine Verheißungen erfüllen:
„Und so sehen wir, wie barmherzig und gerecht alles ist, was der Herr tut, der den Menschenkindern alle seine Worte erfüllt; ja, wir können sehen, dass seine Worte […] selbst in dieser Zeit wahr werden“ (Alma 50:19)
Lasst uns immer an die mächtigen Wunder denken, die der Herr bereits vollbracht hat. Lasst uns daran denken, wie sehr der Herr den Osten Deutschlands gesegnet hat. Lasst uns daran denken, wie viele Zeugnisse wir gesehen haben und wie sehr unser Leben vom Heiligen Geist beeinflusst wird.
Und lasst uns nicht sofort zurückschrecken, wenn die Widrigkeiten des Lebens uns zur Aufgabe zwingen möchten. Der Herr trägt uns bereits die ganze Zeit. Und jetzt brauchen wir noch ein wenig mehr Geduld. Ein wenig mehr Glauben. Und ein wenig mehr Vertrauen in den Herrn.
Dann wird er das nächste und das nächste und das nächste Wunder vollbringen. Der Herr öffnet bereits die Schleußen des Himmels und die Sammlung Israels schreitet auch hierzulande in großen Schritten voran. Und jeder wird es bei sich vor Ort sehen. Wenn noch nicht jetzt, dann bald.
Ich bezeuge euch, dass der Herr mächtig in unserem Leben wirkt. Wir sehen es manchmal nicht, aber wir sind im besonderen Maße gesegnet worden. Und wenn wir nicht vom Weg abweichen, sondern mit Glauben und Mut voranschreiten, wird er noch mehr Wundertaten vollbringen. Gemäß seinem Willen. Nach seiner Zeit. Und wir können dabei ein mächtiges Werkzeug sein, ehe er uns zur ersten Auferstehung ruft und wir für immer bei ihm und mit unserer Familie sein können.
Dies ist das Zeugnis, dass in mir ist.
Im Namen Jesus Christi, Amen.
Brd. Marcel Arnold, Hoher Rat im Pfahl














